Gefahren von Süchten

Achtklässler für Folgen von Drogenkonsum sensibilisiert / Begleitetes Trinken wird verboten

Kriminalhauptkommissar Michael Remmert (ab 2. von rechts) und Timo Schüsseler gaben den Achtklässlern eine andere Sicht auf die Sucht. Die Bürgerstiftung (Tina Schwartze) und der Förderverein der Schule (Christiane Goldstein) unterstützten die Projektwoche zur Suchtprävention. © Karin Hillebrand

Herzfeld – Die Zahlen bedrücken: rund 44000 Alkoholtote jährlich, etwa 128000 Tote durch Folgen des Tabakkonsums. „Das Thema ist ernst. Es wird nicht bewertet und es wird nicht gelacht. Denn Lachen ist eine Bewertung“, machte Timo Schüsseler dementsprechend zwei achten Klassen der Lippetalschule deutlich, bevor er ihnen von seiner eigenen Suchtgeschichte, seinem Drogen- und Alkoholkonsum berichtete.

Es geht nicht um den Stoff, sondern um das Gefühl.

Timo Schüsseler Autobiograf

Dass er dabei nicht sonderlich zimperlich sein werde, hatte er direkt erklärt: „Ich bin kein Sozialpädagoge, kein Lehrer und kein Therapeut. Ich bin einfach nur ein Bürger.“ Schüsseler ist Autobiograf und zweiter Vorsitzender der Jugend- und Drogenberatung im Kreis Warendorf sowie Mitglied des Jugendhilfeausschusses der Stadt Ahlen.

„Es geht nicht um den Stoff, sondern um das Gefühl“, hat Schüsseler selbst erfahren müssen. Und das will er den Schülern vermitteln. Und, dass es sich bei Sucht um eine Abhängigkeitserkrankung handelt – nicht heilbar und potenziell tödlich.

Abhängig sei jeder von ihnen: von den Eltern, die ihnen Unterkunft und Essen stellen. „Das ist auch o.k. so. Ihr seid noch nicht in der Lage, euch selbst zu versorgen“, sagte er. Aber, was passiere wohl, wenn jeder von ihnen sechs Wochen lang auf elektronische Spielzeuge wie Konsolen, Smartphones, Tablets und Ähnliches verzichtet?

Jugendliche sollen Sorgen ansprechen

„Macht euch das ein schlechtes Gefühl?“, fragte Schüsseler. Fast alle zeigen auf. Das Gefühl gehe mit jeder Sucht, auch mit Spielsucht, einher. Nachdem er selbst zum Alkoholiker und süchtigen Kiffer geworden war, sei alles, was potenziell Spaß macht, auch potenziell süchtig machend, weil das Belohnungssystem im Gehirn darauf programmiert ist.

Wie viele der rund 60 Schüler glauben, an Abhängigkeit erkranken zu können, möchte er wissen. Drei von ihnen melden sich. Im Vorgespräch hatte Schüsseler Zahlen genannt: 2025 gab es in Deutschland 2150 Drogentote. 538 davon waren unter 30 Jahre alt, 206 zwischen 20 und 24 Jahren und 106 unter 20 Jahren.

Essenziell daher: „Die Jugendlichen sollen ansprechen, wenn etwas stört, wenn die Noten oder die Sorge um den Papa drücken. Wissen die Lehrkräfte Bescheid, dann ist der Druck raus.“

In der Aula ist es still. Die Jugendlichen hängen an Schüsselers Lippen, dem ein einfaches Timo reicht.

Ein großes Problem sieht er bei den sozialen Medien. Gerade bei TikTok, einer Videoplattform mit sozialem Netzwerk, werde der Konsum verherrlicht. „Die Creator machen sich keine Gedanken zu der Wirkung auf die Jugendlichen“, sagte Schüsseler. Hinzu kommt, dass es oft keine Konsumgrenze bei Medien gibt. „Wenn ich die nicht kenne, woher soll ich sie in anderen Bereichen kennen? Wenn ich zocke, bis ich schlafe, dann trinke ich auch, bis ich schlafe.“

Zeitgleich saß Kriminalhauptkommissar Remmert aus der Abteilung Prävention der Kreispolizeibehörde Soest in einem Klassenraum vor einer achten Klasse. Denn der Jahrgang 8 setzte sich im Rahmen einer Projektwoche zur Prävention umfänglich mit dem Thema Sucht auseinander.

Remmert klärte die Schüler über gesetzliche und langfristige gesundheitliche Folgen häufigen Konsums von Suchtmitteln auf. „Gerade Alkohol ist bei Jugendlichen immer mal Thema. Auch in Mischgetränken, bei denen man nicht merkt, wie viel Alkohol man konsumiert“, sagt er. Was er den Jugendlichen mitgibt? „Passt auf und werft einen Blick auf andere. Entstehen Unfälle, dann bin ich als Gastgeber verantwortlich.“ Auch, was der Gesetzgeber sagt, wenn jemand nach dem Haschischkonsum Auto fährt, besprach er mit den Achtklässlern.

Wichtig ist laut Remmert das Verhalten der Eltern. „Ein Schüler durfte mit seinem Vater zu Reisebeginn Champagner trinken“, hat der Kommissar an einer Schule erfahren. Auch All-inclusive-Urlaube seien nicht ohne. Und gerade bei Schützenfesten oder beim Karneval sei Trinken im Beisein der Eltern eine Begleiterscheinung.

Abschaffen des begleiteten Trinkens

Grundsätzlich gilt beim Alkoholkonsum eine Altersgrenze von 16 Jahren. Das Trinken in Begleitung der Eltern oder anderer Sorgeberechtigter, wie es bisher im Jugendschutzgesetz für 14- und 15-Jährige geregelt ist, soll abgeschafft werden. Die entsprechende Gesetzesänderung wurde im August dieses Jahres auf den Weg gebracht. „Das stärkt auch Eltern darin, Grenzen zu setzen. Die scheuen oft den Konflikt und halten das nicht aus“, ist Schulleiter Volker Wendland zuversichtlich.

Organisiert wurde die Suchtpräventions-Woche von den Schulsozialarbeitern. Das Theaterstück „Alkohol – mir geht es gut“ vom Weimarer Kulturexpress machte eine Suchtentwicklung greifbarer. Die Lehrer boten verschiedene Module zum Thema.

Unterstützt durch den Kreis Soest konnten Schüler mit Promillebrillen die Wirkung von Alkohol erfahren, und die Eltern wurden online vorbereitet. Abschließend wurde die Woche bei Mocktails, alkoholfreien Cocktails, reflektiert. Auch andere Drogen und Vapes wurden thematisiert. KARIN HILLEBRAND

Quellenangabe: Soester Anzeiger vom 01.10.2026, Seite 17